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Indikationskriterien für psychoanalytische Behandlungen

Hochfrequente Psychoanalyse
(In der Regel vier Sitzungen pro Woche über mehrere Jahre.)

  1. Alle psychischen Störungen, die mit einer strukturellen Störung1 einhergehen. Darunter fallen alle spezifischen (ICD-10: F60) und kombinierten Persönlichkeitsstörungen (F61) sowie die andauernden Persönlichkeitsänderungen (F62) (Ausnahme siehe S. 2, „Störungsspezifische Borderline-Therapie bei nicht kontrollierbarem Agieren). Eine strukturelle Störung kann jedoch auch bei anderen ICD-10-Diagnosen eine Rolle spielen. Sie kann im Zweifelsfall testdiagnostisch z.B. mit einem der folgenden Instrumente operationalisiert werden:
  • Skala zur Erfassung des Funktionsniveaus der Persönlichkeit (SEFP) des DSM-5: ≥ 2 (mittelgradige Beeinträchtigung).
  • Operationalisierte Psychodynamische Diagnostik (OPD-2): Achse IV »Struktur« ≥ 2,5 (mäßig bis gering integriert),
  • Strukturiertes Interview zur Persönlichkeitsorganisation (STIPO): Gesamtniveau Borderline 1 oder schlechter, oder
  • Alle weiteren psychischen Störungen mit
    ausgeprägter Chronifizierung,
  • und/oder
    ausgeprägter Therapieresistenz.

Zum Beispiel (nicht taxativ): Depression (ICD-10: F3), Angststörungen (ICD-10: F40, F41), Zwangsstörungen (ICD-10: F42), dissoziative Störungen (ICD-10: F44), somatoforme Störungen (ICD-10: F45), Essstörungen (ICD-10: F50), schwere sexuelle Funktionsstörungen (ICD-10: F52), Störungen der Geschlechtsidentität und der Sexualpräferenz (ICD-10: F64, F65).

1 Durch die Einführung der Skala zur Erfassung des Funktionsniveaus der Persönlichkeit (SEFP) des DSM-5 (American Psychiatric Association, 2013, S. 1045-1070) hat die Strukturdiagnostik bzw. Funktionsdiagnostik der Persönlichkeit international in die allgemeine Psychiatrie und Psychotherapie Einzug gehalten. Auch ICD-11 wird voraussichtlich eine ähnliche Schweregradevaluation bei den Persönlichkeitsstörungen enthalten.

Psychoanalytische Psychotherapie, Psychoanalytisch orientierte Psychotherapie und andere psychoanalytische/psychodynamische Verfahren

(In der Regel zwei Sitzungen pro Woche über mehrere Jahre.)

  • Bei allen psychischen Störungen, die entweder
  • weniger schwer und weniger chronifiziert sind,
    und
  • bei denen eine umschriebene Problematik vorliegt,
    oder

  • Bei schwer erkrankten und/oder chronifizierten Patienten im Sinne I.A. und I.B.,
  • die aufgrund ihrer Symptomatik und/oder sozialen Situation nicht in der Lage sind, eine hochfrequente Psychoanalyse in Anspruch zu nehmen. (Nach einer Stabilisierung ist in manchen Fällen eine Umwandlung in eine hochfrequente Psychoanalyse indiziert.)
    oder

  • im Sinne einer tertiären Prävention zur Bewältigung chronifizierter und/oder residualer Zustandsbilder.

Über die die Dosis (Dauer) und die Frequenz der Behandlung sollte von dem/der TherapeutIn in Abhängigkeit von Krankheitsschwere und -chronizität, Introspektions- und Reflexionsfähigkeit, Persönlichkeitsbeteiligung (Strukturniveau) sowie sozialem Funktionsniveau entschieden werden.

Störungsspezifische Borderline-Therapie
(z.B. Übertragungsfokussierte Psychotherapie – TFP)

(In der Regel zwei Sitzungen pro Woche über mehrere Jahre.)

Bei PatientInnen mit emotional instabiler Persönlichkeitsstörung (ICD-10: F60.3) und auch bei anderen Persönlichkeitsstörungen, die mit einem nicht kontrollierbaren Agieren einhergehen, bzw. die das hochfrequente liegende Setting nicht tolerieren. Bei diesen PatientInnen kann nach dem Eindämmen des Agierens eine Umwandlung in eine hochfrequente Psychoanalyse indiziert sein.

Literatur

American Psychiatric Association (2013). Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders. Fifth edition.

DSM-5. Washington, DC: American Psychiatric Publishing.

Arbeitskreis OPD (2014). Operationalisierte Psychodynamische Diagnostik (OPD-2). 3. Auflage. Bern: Verlag Hans Huber.

Clarkin, J. F., Caligor, E., Stern, B. L. & Kernberg, O. F. (2004). Structured Interview of Personality Organization (STIPO). Unpublished Manuscript. Personality Disorders Institute, Weill Medical College of Cornell University, New York. (Deutsche Übersetzung von S. Doering, Medizinische Universität Wien).

Weltgesundheitsorganisation (2006). Internationale Klassifikation psychischer Störungen. ICD-10 Kapitel V(F).

Diagnostische Kriterien für Forschung und Praxis. 4., überarbeitete Auflage. Bern: Huber.